Re: Wie haengt der Konflikt in etwa zusammen?

Jawohl, lasst uns hoffen, dass sich die Kommunikation zwischen den entscheidenden Personen verbessert und dies zu einer Entspannung der Situation fuehrt.

Dashain ist fast vorbei und damit endet der Druck durch die Blockade der Dashain-Gueter. Das Lichterfest am 11.-13.Nov. wird ja vergleichsweise bescheiden gefeiert. Die Blockade der Treibstoff- und Fluessiggas-Transporte ist jetzt entscheidend.

Olga


> Liebe Matthias,
> liebe Nepalfreunde,

> die Bevoelkerung Nepals besteht eigentlich nicht
> aus 'den Nepalis', sondern aus indo-arischen und
> den tibeto-birmanischen Gruppen, die ueber 100
> Ethnien und Kasten beinhalten. In groesseren Staedten
> wie beispielsweise in Kathmandu und Pokhara befindet
> sich das Sammelsurium dieser Gruppen. In ihrem Ursprung
> leben die einzelnen Gruppen ueber Nepal verteilt in
> ihren jeweils angestammten Regionen.

> Die sprachliche Basis aller Gruppen ist die Landes-
> sprache Nepali. Die einzelnen Gruppen sprechen unter
> sich ihre eigenen Sprachen und Dialekte - das sind
> insgesamt mehr als 120!

> Es gibt noch weitere Merkmale, wie z.B. die Lebensweise
> der Menschen, Kleidung/Schmuck, Religion, Sitten und
> Gebraeuche, gruppenspezifische Feiertage und Feste,
> Musik, Kunst, Kultur, die Art der Speisen etc., in
> denen sich die Gruppen deutlich voneinander unterscheiden.

> All dies verdeutlicht die Komplexitaet der Bevoelkerung
> in Nepal. Um so erstaunlicher ist, dass es in den
> letzten Jahrzehnten dort nahezu keine ethnischen
> Konflikte gab. Die Buergerkriegsjahre zwischen 1996
> und 2006 waren nicht durch ethnische Differenzen
> hervorgerufen, sondern durch politische. Es war der
> durch Maoisten angefuehrte Kampf gegen die Monarchie
> mit ihren Feudalstrukturen, gegen das Einparteien-
> Panchayat-System sowie der hinduistischen Hierarchien.

> Diese teilweise mit grosser Haerte und Brutalitaet gefuehrte
> Auseinandersetzung fuehrte das Land unter hohem Blutzoll
> in seine heutige Form der Demokratie. Eine Demokratie,
> die leider mehr schlecht als recht funktioniert. Eine
> Demokratie, die bestimmte Gruppen, die sich gegenseitig
> stuetzen und die eigene Privilegien aufrecht erhalten
> wollen, bevorzugt und andere Gruppen benachteiligt.
> Aber immerhin, es ist keine Monarchie, keine Diktatur
> oder Militaerregierung - sondern eine Demokratie!

> Nun haben die Parteien im Parlament mit grosser Mehrheit
> fuer die seit 2008 umkaempfte neue Verfassung gestimmt, so
> dass sie mittlerweile verabschiedet werden konnte.

> Alle Seiten mussten Zugestaendnisse machen, damit diese
> Verfassung zustande kam. Es moegen noch Ungerechtigkeiten
> und Benachteiligungen darin stecken, aber die neue
> Verfassung ist nun die Basis, auf die sich die meisten
> Parteien verstaendigt haben. 507 von 532 anwesenden
> Parlamentariern haben fuer die neue Verfassung gestimmt.
> Ob Maoisten, Kommunisten - nahezu alle, die in den
> Vergangen Jahren viel Kritik an den Inhalten einer neuen
> Verfassung geuebt haben, haben zugestimmt.

> Nun ist es so, dass die Madhesi und Tharu, die wiederum
> aus verschiedenen Volksgruppen bestehen und in Suednepal,
> im Flachland (Terai) leben, von den 'echten' nepalischen
> Volksgruppen seit jeher als 'nicht richtige Nepalis' an-
> gesehen werden. Sie gehoeren nicht zu den Bergvoelkern
> oder der Bevoelkerung des Kathmandutals (die schon immer
> gegenueber den anderen Voelkern privilegiert war). Die Medhesi und Tharus, sind ihrer Herkunft indischstaemmige
> Gruppen aus der Gangesebee, die sich noerdlich des Ganges
> in Nepal angesiedelt haben. Sie werden von 'Nepalis' als
> 'Zuwanderer indischer Herkunft' angesehen. Bis vor wenigen
> Jahren waren sie in Nepal nahezu rechtlos. Sie hatten von
> nepalischer Seite keine Paesse und so gut wie keine Buerger-
> rechte. Die durften kein Land besitzen oder kaufen.

> Infolge der durch die Maoisten im Land hervorgerufenen
> Veraenderungen erkannten so um das Jahr 2006/2007 herum
> die Madhesi fuer sich die Gunst der Stunde und begannen
> massiv Rechte fuer sich einzufordern. Es gibt von ihnen
> gemaessigte aber auch radikale, sehr Gewaltbereite Gruppen.
> In den letzten Jahren hat es vornehmlich in Suednepal
> viele Demonstrationen und Streiks mit vielen, vielen
> Verletzte und Toten gegeben. Auch von Seiten der
> 'Sicherheitskraefte' war viel Gewalt im Spiel.

> Inzwischen hat es von nepalischer Seite einiges an Zu-
> gestaendnissen gegeben. Die Madheshi haben bis zu einem
> gewissen Mass Buergerrechte erhalten. Nepal wurde im Jahr
> 2008 zur Republik und der erste Staatspraesident, Ram
> Baran Yadav, war ein Madhesi!

> Besonders die radikalen Gruppen der Madhesi stellen
> aber Maximalforderungen auf, die von nepalischer
> Seite nicht erfuellt werden koennen. Zwischen den
> Madhesi und den restlichen Volksgruppen Nepals wird
> es immer ein Spannungsverhaeltnis geben. Es ist so
> gut wie nicht vorstellbar, dass sich dass (zumindest
> in den naechsten Jahrzehnten) aendern wird.

> Die Madhesi gehoeren fuer Nepalis nicht richtig zu Nepal.
> Sie sind Hindus und wuenschen sich einen Hindustaat.
> Nepal hat mit der neuen Verfassung hingegen gerade
> beschlossen, ein saekularer Staat zu sein, in dem Staat
> und Religion voneinander getrennt sind.

> Suednepal (das Terai etc.) gehoert territorial ganz klar
> zu Nepal. Alle Besitzrechte, ob oeffentlich oder privat,
> liegen auf nepalischer Seite. Und er Sueden ist die Korn-
> kammer des Landes. Er ist fuer das Binnenland Nepal die
> wichtigste Lebensader im Grenzverkehr zu Indien. Die
> Verkehrsverbindungen nach Indien sind lebenswichtig fuer
> das Land und nicht durch die gerade mal zwei Verkehrswege
> nach Tibet/China zu ersetzen. Nepal ist mit Indien
> ethnisch, kulturell, religioes und hinsichtlich gelebter
> Traditionen viel naeher verbunden als mit China.

> Nepal kann nicht dem Wunsch er Madhesi nach einer
> Abspaltung und Bildung eines eigenen neuen Staates
> nachkommen. Das Land wuerde sich dadurch strangulieren.

> Das einzige, was sinnvoll und moeglich ist, ist eine
> verbesserte Kommunikation mit den Madhesi und in manchen
> Punkten die staerkere Beruecksichtigung einiger ihrer
> Wuensche. Und es sollte eine deutlich bessere Integration
> stattfinden, die es bisher kaum gibt.

> Der Bevoelkerungsteil der Madhesi und Tharu an der Gesamt-
> Bevoelkerung Nepals liegt bei ca. 47%. Das ist ein hoher
> Anteil. Dennoch kann Nepal den Madhesi nicht einfach das
> Ruder ueberlassen. Die hauptsaechlich im Sueden angesiedelte
> Kleinindustrie und die groesste Menge an landwirtschaftlichen
> Anbauflaechen Napals, die sich dort befindet, wird zwar
> im grossen Umfang von den Madhesi und Tharu bewirtschaftet,
> aber dies ist alle in nepalischen Besitz und fuer Nepal
> insgesamt unverzichtbar.

> Sollte Indien im Hintergrund die Strippen ziehen und
> den Konflikt weiter entfachen, wird das noch ein sehr
> viel groesseres Problem als bisher. Dann reden wir nicht
> von Mangelversorgung sondern moeglicherweise vom Beginn
> eines Buergerkrieges, der ein sehr viel groesseres Ausmass
> haben wuerde, als der von 1996 bis 2006 stattgefundene
> 'Peoples War'.

> Momentan besteht vom grossen 'Bruder' Indien eine
> echte Gefahr. Nepals Co-Existenz neben Indien steht
> auf de Spiel. Zwar wuerde China nicht tatenlos zusehen,
> aber dennoch ist die Gefahrenlage gross.

> Hoffen wir, dass sich die Kommunikation zwischen den
> entscheidenden Personen verbessert und dies zu einer
> Entspannung der Situation fuehrt.

> Mit besten Wuenschen
> Andreas
>
> P.S.: Ich habe an manchen Stellen (zur Vereinfachung)
> die Tharus nicht zusaetzlich erwaehnt, sondern nur von
> Madhesi geschrieben. Das hat damit zu tun, da die
> Madhesi die Uebergeordnete Rolle in dem Konflikt
> spielen. Die Tharus sind aber grundsaetzlich mit
> involviert.

>
>

>
>

>

Geschrieben von Olga, Kathmandu am 23. Oktober 2015 um 03:14 Uhr.

Antwort zu: Wie haengt der Konflikt in etwa zusammen? geschrieben von Andreas Khanal am 22. Oktober 2015 um 13:26 Uhr.


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