Wie haengt der Konflikt in etwa zusammen?


Liebe Matthias,
liebe Nepalfreunde,

die Bevoelkerung Nepals besteht eigentlich nicht
aus 'den Nepalis', sondern aus indo-arischen und
den tibeto-birmanischen Gruppen, die ueber 100
Ethnien und Kasten beinhalten. In groesseren Staedten
wie beispielsweise in Kathmandu und Pokhara befindet
sich das Sammelsurium dieser Gruppen. In ihrem Ursprung
leben die einzelnen Gruppen ueber Nepal verteilt in
ihren jeweils angestammten Regionen.

Die sprachliche Basis aller Gruppen ist die Landes-
sprache Nepali. Die einzelnen Gruppen sprechen unter
sich ihre eigenen Sprachen und Dialekte - das sind
insgesamt mehr als 120!

Es gibt noch weitere Merkmale, wie z.B. die Lebensweise
der Menschen, Kleidung/Schmuck, Religion, Sitten und
Gebraeuche, gruppenspezifische Feiertage und Feste,
Musik, Kunst, Kultur, die Art der Speisen etc., in
denen sich die Gruppen deutlich voneinander unterscheiden.

All dies verdeutlicht die Komplexitaet der Bevoelkerung
in Nepal. Um so erstaunlicher ist, dass es in den
letzten Jahrzehnten dort nahezu keine ethnischen
Konflikte gab. Die Buergerkriegsjahre zwischen 1996
und 2006 waren nicht durch ethnische Differenzen
hervorgerufen, sondern durch politische. Es war der
durch Maoisten angefuehrte Kampf gegen die Monarchie
mit ihren Feudalstrukturen, gegen das Einparteien-
Panchayat-System sowie der hinduistischen Hierarchien.

Diese teilweise mit grosser Haerte und Brutalitaet gefuehrte
Auseinandersetzung fuehrte das Land unter hohem Blutzoll
in seine heutige Form der Demokratie. Eine Demokratie,
die leider mehr schlecht als recht funktioniert. Eine
Demokratie, die bestimmte Gruppen, die sich gegenseitig
stuetzen und die eigene Privilegien aufrecht erhalten
wollen, bevorzugt und andere Gruppen benachteiligt.
Aber immerhin, es ist keine Monarchie, keine Diktatur
oder Militaerregierung - sondern eine Demokratie!

Nun haben die Parteien im Parlament mit grosser Mehrheit
fuer die seit 2008 umkaempfte neue Verfassung gestimmt, so
dass sie mittlerweile verabschiedet werden konnte.

Alle Seiten mussten Zugestaendnisse machen, damit diese
Verfassung zustande kam. Es moegen noch Ungerechtigkeiten
und Benachteiligungen darin stecken, aber die neue
Verfassung ist nun die Basis, auf die sich die meisten
Parteien verstaendigt haben. 507 von 532 anwesenden
Parlamentariern haben fuer die neue Verfassung gestimmt.
Ob Maoisten, Kommunisten - nahezu alle, die in den
Vergangen Jahren viel Kritik an den Inhalten einer neuen
Verfassung geuebt haben, haben zugestimmt.

Nun ist es so, dass die Madhesi und Tharu, die wiederum
aus verschiedenen Volksgruppen bestehen und in Suednepal,
im Flachland (Terai) leben, von den 'echten' nepalischen
Volksgruppen seit jeher als 'nicht richtige Nepalis' an-
gesehen werden. Sie gehoeren nicht zu den Bergvoelkern
oder der Bevoelkerung des Kathmandutals (die schon immer
gegenueber den anderen Voelkern privilegiert war). Die Medhesi und Tharus, sind ihrer Herkunft indischstaemmige
Gruppen aus der Gangesebee, die sich noerdlich des Ganges
in Nepal angesiedelt haben. Sie werden von 'Nepalis' als
'Zuwanderer indischer Herkunft' angesehen. Bis vor wenigen
Jahren waren sie in Nepal nahezu rechtlos. Sie hatten von
nepalischer Seite keine Paesse und so gut wie keine Buerger-
rechte. Die durften kein Land besitzen oder kaufen.

Infolge der durch die Maoisten im Land hervorgerufenen
Veraenderungen erkannten so um das Jahr 2006/2007 herum
die Madhesi fuer sich die Gunst der Stunde und begannen
massiv Rechte fuer sich einzufordern. Es gibt von ihnen
gemaessigte aber auch radikale, sehr Gewaltbereite Gruppen.
In den letzten Jahren hat es vornehmlich in Suednepal
viele Demonstrationen und Streiks mit vielen, vielen
Verletzte und Toten gegeben. Auch von Seiten der
'Sicherheitskraefte' war viel Gewalt im Spiel.

Inzwischen hat es von nepalischer Seite einiges an Zu-
gestaendnissen gegeben. Die Madheshi haben bis zu einem
gewissen Mass Buergerrechte erhalten. Nepal wurde im Jahr
2008 zur Republik und der erste Staatspraesident, Ram
Baran Yadav, war ein Madhesi!

Besonders die radikalen Gruppen der Madhesi stellen
aber Maximalforderungen auf, die von nepalischer
Seite nicht erfuellt werden koennen. Zwischen den
Madhesi und den restlichen Volksgruppen Nepals wird
es immer ein Spannungsverhaeltnis geben. Es ist so
gut wie nicht vorstellbar, dass sich dass (zumindest
in den naechsten Jahrzehnten) aendern wird.

Die Madhesi gehoeren fuer Nepalis nicht richtig zu Nepal.
Sie sind Hindus und wuenschen sich einen Hindustaat.
Nepal hat mit der neuen Verfassung hingegen gerade
beschlossen, ein saekularer Staat zu sein, in dem Staat
und Religion voneinander getrennt sind.

Suednepal (das Terai etc.) gehoert territorial ganz klar
zu Nepal. Alle Besitzrechte, ob oeffentlich oder privat,
liegen auf nepalischer Seite. Und er Sueden ist die Korn-
kammer des Landes. Er ist fuer das Binnenland Nepal die
wichtigste Lebensader im Grenzverkehr zu Indien. Die
Verkehrsverbindungen nach Indien sind lebenswichtig fuer
das Land und nicht durch die gerade mal zwei Verkehrswege
nach Tibet/China zu ersetzen. Nepal ist mit Indien
ethnisch, kulturell, religioes und hinsichtlich gelebter
Traditionen viel naeher verbunden als mit China.

Nepal kann nicht dem Wunsch er Madhesi nach einer
Abspaltung und Bildung eines eigenen neuen Staates
nachkommen. Das Land wuerde sich dadurch strangulieren.

Das einzige, was sinnvoll und moeglich ist, ist eine
verbesserte Kommunikation mit den Madhesi und in manchen
Punkten die staerkere Beruecksichtigung einiger ihrer
Wuensche. Und es sollte eine deutlich bessere Integration
stattfinden, die es bisher kaum gibt.

Der Bevoelkerungsteil der Madhesi und Tharu an der Gesamt-
Bevoelkerung Nepals liegt bei ca. 47%. Das ist ein hoher
Anteil. Dennoch kann Nepal den Madhesi nicht einfach das
Ruder ueberlassen. Die hauptsaechlich im Sueden angesiedelte
Kleinindustrie und die groesste Menge an landwirtschaftlichen
Anbauflaechen Napals, die sich dort befindet, wird zwar
im grossen Umfang von den Madhesi und Tharu bewirtschaftet,
aber dies ist alle in nepalischen Besitz und fuer Nepal
insgesamt unverzichtbar.

Sollte Indien im Hintergrund die Strippen ziehen und
den Konflikt weiter entfachen, wird das noch ein sehr
viel groesseres Problem als bisher. Dann reden wir nicht
von Mangelversorgung sondern moeglicherweise vom Beginn
eines Buergerkrieges, der ein sehr viel groesseres Ausmass
haben wuerde, als der von 1996 bis 2006 stattgefundene
'Peoples War'.

Momentan besteht vom grossen 'Bruder' Indien eine
echte Gefahr. Nepals Co-Existenz neben Indien steht
auf de Spiel. Zwar wuerde China nicht tatenlos zusehen,
aber dennoch ist die Gefahrenlage gross.

Hoffen wir, dass sich die Kommunikation zwischen den
entscheidenden Personen verbessert und dies zu einer
Entspannung der Situation fuehrt.

Mit besten Wuenschen
Andreas

P.S.: Ich habe an manchen Stellen (zur Vereinfachung)
die Tharus nicht zusaetzlich erwaehnt, sondern nur von
Madhesi geschrieben. Das hat damit zu tun, da die
Madhesi die Uebergeordnete Rolle in dem Konflikt
spielen. Die Tharus sind aber grundsaetzlich mit
involviert.



Geschrieben von Andreas Khanal am 22. Oktober 2015 um 13:26 Uhr.

Antwort zu: Re: Auswirkungen der Blockade noch weiterhin spuerbar ... geschrieben von Matthias am 21. Oktober 2015 um 12:31 Uhr.


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