Re: wo fuer lieben Sie Nepal ?

Lieber Keshav,

ich habe mir viele Gedanken ueber Deine Anfrage gemacht. Dass Du ueber diesen Weg nach Anregungen suchst finde ich toll und ich moechte Dir (und natuerlich auch allen anderen Interessierten in Nepal) gerne mitteilen, was mir alles durch den Kopf ging, als ich Deinen Beitrag las.

Zuerst dachte ich mir, vielleicht sprichst Du in erster Linie Touristen an, die nun bald wieder nach Nepal kommen werden und fragst sie, was sie sich fuer ihren Nepalaufenthalt wuenschen, welche Angebote sie gerne in Anspruch nehmen wuerden.

In diesem Zusammenhang schoss mir sofort wieder eine Frage durch den Kopf, die mich ohnehin schon eine zeitlang beschaeftigt: in Nepal besteht eine starke Abhaengigkeit vom Tourismus und ich frage mich immer wieder, wie wohl die Menschen in Nepal gelebt haben, bevor dort Touristen einreisten. Haben sich zu jenen Zeiten auch tausende Nepalesen in fremde Laender begeben, um dort zu arbeiten? Litten damals wesentlich mehr Menschen in Nepal an extremem Mangel als heute? Oder gab es damals andere Strukturen, die den meisten ein Ueberleben in ihrem eigenen Land ermoeglichten? Waere es denkbar sich in gewisser Weise auf altbewaehrte Strukturen zurueck zu besinnen und sich daran zu orientieren? Da ich darueber nichts weiss, gebe ich diese Frage direkt an Dich/ Euch weiter.

Natuerlich koennen sich von Deiner Frage grundsaetzlich alle Personen angesprochen fuehlen, die Nepal in irgendeiner Weise, auch abgesehen vom Tourismus unterstuetzen moechten. Sei es durch Spenden an Organisationen oder direkte Hilfe an bestimmte Menschen in Nepal, sei es durch praktische Hilfe vor Ort. Seien es Leute, die sich langfristig im Land aufhalten moechten und Hinweise geben moechten oder ggf. ein Unternehmen in Nepal gruenden oder mit Nepalesen geschaeftlich kooperieren moechten.
Zudem fallen mir an dieser Stelle auch Rentner ein, die -je nach Hoehe ihrer Rente ggf. ein Daueraufenthaltsrecht in Nepal beantragen koennten oder sich zumindest phasenweise in diesem Land aufhalten koennten und allein mit ihren Ausgaben vor Ort die nepalesische Wirtschaft unterstuetzen koennten bzw. aus ihrer Lebenserfahrung heraus oder mit speziellem Wissen Menschen in Nepal beraten und helfen koennten.
Ich wundere mich oft, warum viele aeltere Menschen bei uns so ueber ihr Elend jammern, beispielsweise wenn sie alleine sind und/ oder abhaengig von der mittlerweile vielfach schon ueberlasteten SGB XII – Buerokratie geworden sind. Koennten solche Menschen ihrem Leben nicht neuen Schwung und Sinn verleihen, wenn sie sich in Laender begeben wuerden, in denen sie mit ihrer Rente gut leben koennten und gleichzeitig ratsuchenden Leuten in diesen Laendern mit Rat und Tat und ggf. finanzieller Hilfe zur Seite stehen koennten? (Bei uns waeren dann gleichzeitig ein paar Plaetze mehr fuer Fluechtlinge frei :))

Ich selbst wuensche mir sehr, dass man in Nepal versucht, im eigenen Land nachhaltige Perspektiven aufzubauen. Denn meiner Ansicht nach ist es ein gefaehrlicher und belastender Weg (fuer die jeweiligen Arbeiter), und auch kein wirklich zielfuehrender fuer Euer Land, wenn viele immer wieder versuchen, sich auf der Suche nach dem „grossen“, „einfach“ verdienten Geld in fremde Laender, insbesondere die Golfstaaten, zu begeben.

Ich selbst habe bei Nepalaufenthalten oder auf sonstige Weise ein paarmal versucht, Tipps zu geben. Unter anderem fuer ein spezielles Tourismuskonzept, das auch in anderen Gegenden der Welt schon Erfolg hat. Und zwar ist dies ein Konzept, Besucher ueber touristische Angebote in Aktivitaeten mit einzubinden, die fuer die besuchte Gegend typisch sind. Denkbar waere hier also beispielsweise in laendlichen Gebieten Nepals, Leute mit in Bauernhofarbeiten einzubinden, ortstypische handwerkliche Taetigkeiten bzw. Handarbeiten ausfuehren zu lassen, sie in einfachen landestypischen Unterkuenften uebernachten zu lassen, u. ae. Das sind Dinge, die viele Touristen ansprechen, weil sie dadurch das Gefuehl haben, am eigentlichen Leben vor Ort ein wenig teilhaben zu koennen.

Von dieser touristischen Option abgesehen, bin ich generell ein grosser Verfechter von vernuenftigen landwirtschaftlichen Konzepten, also insbesondere von oekologischer Landwirtschaft/ Permakultur. Diesen Weg sollte man in Nepal, wo von alters her umfangreiche landwirtschaftliche Strukturen bestehen, unbedingt verfolgen. Denn mit einer ertragreichen Landwirtschaft koennen nicht nur der Nahrungsmittelbedarf sichergestellt sondern auch von alters her erlernte Faehigkeiten im Land aufrecht erhalten werden. Wird diese in Art der Permakultur strukturiert, bleiben die Bauern in ihrer Arbeit unabhaenig (beispielsweise von mafiaartig strukturierten Saatgut- / Spritzmittel- und Gentechnikkonzernen, aber auch rudimentaere Verwaltungsstrukturen oder politische Schwierigkeiten werden sie moeglicherweise leichter ertragen koennen, als waeren sie in abhaengige Beschaeftigungsverhaeltnisse eingebunden). Ausserdem koennen so auch am besten die herausragenden natuerlichen Resourcen Nepals aufrecht erhalten werden (die auch wiederum ein Touristenmagnet sind). Oder waere es Euch lieber, wenn Euer Land zur Industrienation wuerde und Ihr am Ende vielleicht noch Atommuell aus Kernkraftwerken in irgendwelchen Berggrotten im Himalaya einlagern muesstet?? Moeglicherweise muesste man die Everesttouristen dann kuenftig mit Strahlenschutzanzuegen in die Todeszone schicken!? Waere das ein schoene Vorstellung? Ich finde nicht und appelliere deshalb an Euch: bleibt bei Euren Strukturen und macht etwas Gutes daraus!!

Problematisch ist hier natuerlich, dass bei weitem nicht jeder in Nepal ueber Grundbesitz verfuegt oder in der Lage ist landwirtschaftliche Flaechen zu pachten. Hier ist es meines Erachtens dringend noetig, soziale Loesungen zu suchen, die mehr Menschen Zugang zu landwirtschaftlichen Taetigkeiten direkt ermoeglicht bzw. Prozesse zu schaffen, die auf die Landwirtschaft aufbauen und fuer andere, z. B. (Klein-)Gewerbetreibende, eine Grundlage schaffen. So waere beispielsweise vorstellbar, landwirtschaftliche Erzeugnisse nicht nur direkt zu vermarkten, sondern einen gewissen Teil der Erzeugnisse an kleine Haendler zu verkaufen, die daraus Waren fuer den eigenen Weiterverkauf erstellen koennten und so ein kleines Unternehmen fuehren koennten, in dem sie vielleicht auch noch weitere Arbeitskraefte beschaeftigen koennten. Vorstellbar waere auch, in Gegenden, in denen Leute voellig verarmt sind und ueber keine Einkommensquellen verfuegen, einen gewissen Tauschhandel zu etablieren. Und was den Zugang zu medizinischer Versorgung betrifft, dessen Mangel gerade in aermlichen Gebieten oft beklagt wird: es waere sogar denkbar, medizinisches Personal ortsnah in solche, nicht (in erster Linie) auf Geldwirtschaft basierenden Strukturen einzubinden.
Denkbar waere letztlich sehr viel, wenn die Menschen dies nur akzeptieren und zulassen wuerden!

Letztlich muesst Ihr selbst entscheiden, was Euch akzeptabel und mit Eurer Kultur vereinbar erscheint, ob Ihr in manchen Bereichen groessere Durchlaessigkeit schaffen wollt, indem ihr beispielsweise die Starrheit der Einteilung in bestimmte Gesellschaftsschichten ueberdenken wuerdet. All das kann ich fuer Euch nicht entscheiden, sondern kann Euch nur meine Gedanken mitteilen und hoffen, dass zumindest einige davon fuer Euch nuetzlich und anwendbar erscheinen.

An dieser Stelle moechte ich noch auf den Spendenaufruf von Chris Evans hinweisen, der mich aktuell per email erreicht hat. Chris Evans ist ein Englaender, der lange Zeit in Nepal gelebt und sich dort sehr stark fuer den Aufbau der Permakultur eingesetzt hat.

Leider gab es -laut seines aktuellen Spendenaufrufs- Erdbebenschaeden auf der Sunrisefarm, eines Oekohofes in Kathmandu, wo auch Schulungen ueber Permakultur angeboten werden.

Fuer den Wiederaufbau und die gleichzeitige Erweiterung der Farm gespendet werden kann ueber folgenden Link:

https://www.gofundme.com/wr2cn5y4

Ich hoffe, Keshav, Du konntest verstehen, was ich geschrieben habe. Andernfalls bin ich bereit, Dir eine Zusammenfassung nochmal auf englisch zu schreiben, wenn Dir das hilft. Leider kann ich -abgesehen von ca. 20 bis 30 Woertern kein Nepali und bezweifle auch, dass ich diese Sprache jemals wirklich erlernen kann. Wenn ich sehe und hoere wie kompliziert manche Dinge in Eurer Sprache sind, zum Beispiel, dass es bis zu fuenf unterschiedliche Varianten von Konsonanten gibt, die sich nur in kleinen Nuancen in der Aussprache unterscheiden, denke ich mir, wie kann man es denn nur schaffen, so etwas ueberhaupt auszusprechen? Und wieder erstarre ich regelrecht vor Erfurcht angesichts der herausragenden Faehigkeiten, die Menschen in Nepal haben! Es sind nicht nur die ausserordentliche Zuversicht, die Beweglichkeit, Ausdauer und Geduld, die mich oft sehr beeindrucken. Nicht nur die oft erstaunlichen handwerklichen Faehigkeiten, sondern letztlich eben auch die Befaehigung mit einer derart schwierigen Sprache zurecht zu kommen.
Letztlich denke ich mir, Menschen die in so vielen Bereichen so herausragende, ueberwaeltigende Faehigkeiten haben, werden doch erst recht die Schwierigkeiten meistern koennen, die Eure Gesellschaft momentan an Euch stellt – hoina?

Geschrieben von Sabine am 17. September 2015 um 13:28 Uhr.

Antwort zu: wo fuer lieben Sie Nepal ? geschrieben von keshav Raj Gaire am 15. September 2015 um 13:48 Uhr.


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