Re: Hintergruende zum Thema: Neue Verfassung

Danke Andreas fuer diese ausfuehrliche und interessante Darlegung.
>
> Liebe Nepalfreunde,

> scheinbar ist nicht so recht klar, worum
> es im Zusammenhang mit der neuen Verfassung
> geht. Das alles ist in der Tat auch wirklich
> recht schwierig.

> Ich versuche, es vereinfacht so zu erklaeren,
> dass es verstaendlich wird. Ich muss dabei grosse
> Luecken lassen, sonst wird es zu kompliziert und
> zu lang (ich bitte um Nachsicht!) Es ganz kurz zu
> erklaeren ist sowieso schwierig. Ohne ein klein
> wenig auszuholen, geht es kaum. Nur wer wirklich
> Interesse hat, sollte meine Beitraege lesen. Wer
> liest und sich dann beschwert ist selber
> daran schuld. Ich schreibe meine Beitraege nur,
> damit bestimmte Sachverhalte von Leuten, die
> vielleicht nicht soviel ueber Nepal wissen,
> leichter verstanden werden koennen und um zur
> sachlichen Diskussion anzuregen. Es liegt mir
> fern, mich irgendjemandem aufzudraengen.

> --

> Das vereinigte Koenigreich Nepal gab es seit 1867.
> Verschiedene Koenigsdynastien beherrschten das Land.
> Nepal war der einzige Hindustaat der Welt, d.h., es
> gab keine Trennung zwischen Staat und Religion. Es
> war eine Hindumonarchie. Der Koenig wurde vom Volk
> stets eine Reinkarnation Vishnus gesehen. Bis zu
> 80% der Bevoelkerung sind Hindus. Das Land wurde
> stets beherrscht durch den jeweiligen Koenig, und
> an der Spitze, der Hindus durch die Bramahnen,
> die oberste Hindukaste.

> Bis 1990 gab es neben dem Koenig nur ein Einparteiensystem,
> das Panchayat-System. Weitere Parteien waren verboten,
> obschon es sie seit den 50er Jahren im Untergrund gab -
> insbesondere kommunistische und maoistische Gruppen.
> Bis Anfang/Mitte der 50er Jahre war das Kathmandutal
> durch Grenzstationen vom Rest des Landes getrennt. Wer
> ausserhalb des Kathmandutals lebte (ueberwiegend die
> ethnischen Gruppen - aus dem Terrai + Bergvoelker),
> durfte das Kathmandutal nicht betreten, oder nur mit
> einer Sondergenehmigung. Das Kathmandutal war fuer die
> ausserhalb lebenden Nepali 'das verbotene Land'.

> 1990 setzte sich schliesslich eine immer staerker ge-
> wordene Demokratiebewegung gegen die Monarchie durch.
> Der Koenig musste abdanken. Die gerade entstandene
> Demokratie hielt jedoch prinzipiell am Konzept der
> Monarchie fest. Es entstand eine konstitutionelle
> Monarchie mit Mehrparteiensystem. Staat und Religion
> waren nach wie vor nicht voneinander getrennt, das
> demokratische System mit dem Koenig als Repraesentant
> wurde nach wie vor durch die Hinduhierarchie bestimmt.

> 1996 verliessen die Maoisten das parlamentarische System
> und gingen in den Untergrund. 10 Jahre in buergerkriegs-
> aehnlicher Situation vergingen. Zunaechst kaempften die
> Maoisten fuer sich selbst und ihre Ideologie, dann gaben
> sie vor, auch fuer die ethnischen Gruppen und die
> Kastenlosen zu kaempfen. Sie wurden staerker.

> 2006 werten sich breite Bevoelkerungsteile gegen
> Koenig Gyanendra, der zweifelhaft an die Macht gelangte
> und sich unrechtmaessig vom Repraesentanten zum Staatsfuehrer
> machte. Das war zu viel. Das Volk bereitete dem ein Ende.
> Nach Ende der gewaltvollen Jahre entstanden durch
> Annaeherung mit den Maoisten neue politische
> Konstellationen. Es gruendeten sich auch neue Parteien
> und Parteien spalteten sich, da sich die Fuehrungskraefte
> untereinander nicht einig waren.

> 2008 wurde der Schritt zum saekularen Staat begangen, d.h.,
> Staat und Religion wurden getrennt, Neal war fortan kein
> Hindustaat mehr. Das Land wird seitdem mit einer Uebergangs-
> Verfassung, die nur voruebergehende Wirkung hat, gefuehrt.

> Seitdem wird an einer endgueltigen Verfassung gearbeitet.
> Die politischen Kraefte der alten Hinduhierarchie ringen
> mit verschiedenen maoistischen und kommunistischen Parteien
> und Parteien ethnischer Gruppen um Inhalte der neuen Ver-
> fassung.

> Bei dem gesamten Demokratisierungsprozess ueber die vielen
> Jahre geht es letztendlich um die Wandlung von einer
> Hindumonarschie zur konstitutionellen Monarchie (als
> Zwischenschritt) bis hin zu einem saekularen und
> foederalistischen Staat.

> Es geht darum, die politische Macht und die Rechte der
> Buerger gerechter zu gestalten, die Dalits (Kastenlosen)
> und die ethnischen Gruppen (darunter auch die Madheshi -
> Bevoelkerungsgruppe indischer Abstammung im Terrai) in
> das System mit einzubeziehen. Ein Prozess, mit den nach
> wie vor sich in der Uebermacht befindlichen Hindukasten
> schwer zu erreichen ist. Seit gut 250 Jahren hat sich
> eine mit Privilegien behaftete Machtstruktur etabliert.
> Obere Kasten, die sich seit Beginn dieser Zeit den
> anderen Gruppen gegenueber ueberlegen fuehlen und die
> in der Regel deutlich wohlhabender und gebildeter
> sind, moechten moeglichst wenig von ihrer Macht abgeben.

> Es geht um viele Punkte in der neuen Verfassung,
> um die unerbittlich gestritten wird. Da ganze ist
> sehr kompliziert. Von aussen schwer zu sagen, ob
> mittlerweile ein Mass an Kompromissen gefunden wurde,
> aus denen eine halbwegs gute Verfassung hervorgehen
> wird.

> Einerseits ist eine neue Verfassung dringend notwendig.
> Wenn aber zu viele strittige Punkte darin aufgenommen
> werden, wird es auch in der Zukunft sehr viel Streit
> und Aerger geben - vielleicht auch zunehmende Gewalt.

> Nur eine Verfassung, die von den meisten Gruppen
> akzeptiert wird, macht letztendlich Sinn. Und wenn
> die Verfassung einmal verabschiedet wird, ist die
> Sache festgezurrt und es wird schwierig zukuenftig
> da noch irgendwelche Dinge zu verbessern.

> Ich habe meine Zweifel, ob es gut waere, das Mehrheits-
> Prinzip fuer eine neue Verfassung einfach durchzuziehen.
> Die Minderheitengruppen sollten sicherlich bis zu einem
> gewissen Mass beruecksichtigt werden. Das Problem ist, dass
> manche Gruppen Forderungen stellen, die fuer andere kaum
> akzeptabel sind. Letztendlich muss der 'grosse Kompromiss'
> her, sonst wird es politisch weiterhin schlecht bleiben
> und das Land bleibt in Blockadeposition.

> Mit besten Wuenschen
> Andreas

Geschrieben von HolgerR am 21. März 2015 um 18:59 Uhr.

Antwort zu: Hintergruende zum Thema: Neue Verfassung geschrieben von Andreas Khanal am 12. März 2015 um 21:56 Uhr.


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